Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen 2019: Wahlprogramme sind für Laien oft unverständlich    [27.08.19]

Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim analysieren Wahlprogramme auf formale Verständlichkeit und erstmals auch auf populistische Sprache. Bandwurmsätze mit bis zu 83 Wörtern (Grüne Sachsen), Wortungetüme wie „Nachtbeleuchtungsvorrichtungen“ (FDP Sachsen) oder Fachbegriffe wie „Nano-Degrees“ (CDU Brandenburg): Die Wahlprogramme der Parteien zu den Landtagswahlen in Brandenburg und in Sachsen sind für viele Laien unverständlich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim in Stuttgart. Und: Den größten Anteil populistischen Vokabulars weisen die Programme der AfD auf.

Für Laien oft unverständlich: Wahlprogramme zur Landtagswahl in Brandenburg und Sachsen | Bildquelle: Universität Hohenheim

 

„Damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können, sollten Parteien ihre Positionen klar und verständlich darstellen. Die Wahlprogramme sind dabei ein Mittel, um die eigenen Positionen darzulegen“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Er hat mit seinem Team die Wahlprogramme zu den Landtagswahlen in Brandenburg und in Sachsen 2019 untersucht.


„Verpasste Chance für mehr Transparenz und Bürgernähe“

 

Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler um Prof. Dr. Brettschneider unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).

Im Durchschnitt ist die Verständlichkeit der Landtagswahlprogramme in Brandenburg mit 8,2 Punkten etwas größer als die Verständlichkeit der Landtagswahlprogramme in Sachsen (7,5 Punkte). Für Prof. Dr. Brettschneider sind diese Werte enttäuschend, „denn alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben. Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen sie jedoch einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance.“


AfD mit der unverständlichsten Sprache, SPD (in Brandenburg) und CDU (in Sachsen) sind am verständlichsten

Das formal verständlichste Wahlprogramm in Brandenburg liefert die SPD mit 10,0 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Auch 2014 hatte sie dort den ersten Platz belegt. Ihr folgt die CDU mit 9,3 Punkten. In Sachsen belegt die CDU mit 8,6 Punkten den ersten Platz, die SPD folgt mit 8,0 Punkten. Die AfD belegt in beiden Bundesländern den letzten Platz (7,1 Punkte in Brandenburg und 6,4 Punkte in Sachsen). Aus sprachlicher Perspektive sind ihre Programme am unverständlichsten.

„Alle Parteien könnten verständlicher formulieren“, ist Prof. Dr. Brettschneider überzeugt. „Das beweisen gelungene Passagen in den Einleitungen und im Schlussteil. Die Themenkapitel sind hingegen das Ergebnis innerparteilicher Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler ihren Fachjargon nicht versteht. Wir nennen das den ‚Fluch des Wissens’. Zudem nutzen Parteien abstraktes Verwaltungsdeutsch auch, um unklare oder unbeliebte Positionen zu verschleiern. In diesem Fall sprechen wir von taktischer Unverständlichkeit.“


Verständlichkeitshürden schließen Leser aus

 

„Build-Operate-Transfer“ (FDP Brandenburg), „Melioration“ (Grüne Brandenburg), „Multimorbidität“ (Linke Brandenburg), „Prädatoren-Managementplan“ (SPD Brandenburg), „Physician Assistent“ CDU Sachsen), „Akkreditierungsbürokratie“ (AfD Sachsen), „Maker-Spaces“ (Grüne Sachsen), „Antiziganismus“ (SPD Sachsen) oder „Cybergrooming“ (Linke Sachsen): Die Programme der Parteien enthalten zahlreiche Fremd- und Fachwörter. Vor allem für Leser ohne politisches Fachwissen stellen diese eine große Verständlichkeitshürde dar.

Einen ähnlichen Effekt hätten Wortzusammensetzungen oder Nominalisierungen, so Claudia Thoms, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Kommunikationstheorie. Einfache Begriffe würden so zu Wort-Ungetümen, wie z.B. „Nachtbeleuchtungsvorrichtungen“ und „Ausreisegewahrsamseinrichtung“ (beide FDP Sachsen), „Nachweiserbringungspflichten“ (AfD Sachsen), „Klimawandelanpassungsmaßnahmen“ und „Retentionsraumausgleich“ (beide Grüne Sachsen), „Großschutzgebietsverwaltungen“ (Grüne Brandenburg) oder „Vergesellschaftungsexperimente“ (CDU Brandenburg).

„Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine Information vermitteln“, erklärt Claudia Thoms. „Der längste Satz findet sich im Programm der Grünen (Sachsen) mit 83 Wörtern. Aber auch bei allen anderen Parteien tauchen überlange Sätze auf. Sätze mit 30 und 40 Wörtern sind keine Seltenheit.“


Populistische Sprache


Die Hohenheimer Forscher untersuchten erstmals auch die Verwendung populistischen Vokabulars. Dabei verwendeten sie die Anti-Elitismus-Dimension einer Wortliste von Rooduijn und Pauwels (2011). Sie zählten, wie oft Begriffe aus dieser Wortliste in den jeweiligen Wahlprogrammen vorkommen. Die Wortliste besteht aus den folgenden Begriffen: elit*, konsens*, undemokratisch*, referend*, korrupt*, propagand*, politiker*, täusch*, betrüg*, betrug*, *verrat*, scham*, schäm*, skandal*, wahrheit*, unfair*, unehrlich*, establishm*, *herrsch*, lüge* (die Sternchen dienen als Platzhalter, um unterschiedliche Schreibweisen der Wörter und zusammengesetzte Wörter zu berücksichtigen).

Im Schnitt enthalten die Programme in Sachsen etwas häufiger populistisches Vokabular als die Programme in Brandenburg. Die Sprache der Wahlprogramme ist aber in beiden Bundesländern nicht populistischer als in anderen Bundesländern. Die Sprache der Parteien rechts und links der Mitte enthält häufiger populistisches Vokabular als die Sprache der anderen Parteien: Die höchsten Durchschnittswerte zeigen sich bei der AfD. Es folgt die Linke.

„Populistische Rhetorik besteht natürlich aus mehr als aus einfachen Begriffen. Aber die untersuchten Begriffe sind gute und bewährte Indikatoren für Populismus“, sagt Prof. Dr. Brettschneider. Gemein hätten Populisten unterschiedlicher Färbung, dass sie (1) das (eine, wahre) Volk als Gegenspieler einer (2) (entfremdeten, feindlichen) Elite begreifen. Typischerweise fokussierten Rechtspopulisten dabei vor allem auf kulturelle Themen (beispielsweise Migration), während Linkspopulisten eher ökonomische Themen in den Mittelpunkt stellten.


HINTERGRUND: Die Hohenheimer Wahlprogramm-Analyse

Das Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Kommunikationstheorie, an der Universität Hohenheim untersucht in seiner Langzeitstudie unter anderem folgende Fragen: Kommunizieren die Parteien in ihren Wahlprogrammen so verständlich, dass die Wahlberechtigten sie verstehen können? Welche Verständlichkeits-Hürden finden sich in den Wahlprogrammen? Und welche Themen und Begriffe dominieren in den Programmen?

Inzwischen haben die Wissenschaftler mehr als 700 Landtags-, Bundestags- und Europawahlprogramme analysiert. Möglich werden diese Analysen durch die Verständlichkeits-Software „TextLab“. Die Software wurde von der Ulmer Agentur H&H CommunicationLab und von der Universität Hohenheim entwickelt. Sie berechnet verschiedene Lesbarkeitsformeln sowie Textfaktoren, die für die Verständlichkeit relevant sind (z.B. Satzlängen, Wortlängen, Schachtelsätze und den Anteil abstrakter Wörter).

Aus diesen Werten setzt sich der „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ zusammen. Er bildet die Verständlichkeit der Programme und Texte auf einer Skala von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich) ab. Zum Vergleich: Doktorarbeiten in Politikwissenschaft haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 4,3 Punkten. Hörfunk-Nachrichten kommen im Schnitt auf 16,4 Punkte, Politik-Beiträge überregionaler Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt oder der Süddeutschen Zeitung auf Werte zwischen 11 und 14.



Weitere Informationen
Download Studie: https://bit.ly/2Ppxniy

Kontakt für Medien

Prof. Dr. Frank Brettschneider, Universität Hohenheim, Institut für Kommunikationswissenschaft
T 0711/459-24030, E frank.brettschneider@uni-hohenheim.de


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